Die Rede von Bürgermeister Portmann anlässlich der Verleihung der Bürgermedaille an Herbert Linge
„Eigentlich
würden die wenigen Minuten Filmausschnitt vollkommen genügen, um zu erklären,
warum wir hier sind, warum Herbert Linge die Bürgermedaille der Gemeinde
Weissach erhält. Ich könnte mir also eigentlich alle weiteren Worte sparen. Das
würde Einigen möglicherweise sogar gefallen, jedoch nicht dem zu Ehrenden
gerecht werden. Darum folgt also eine ganz normale Ansprache. Da müssen Sie
durch und daher beginnt nun der offizielle Teil.
Meine sehr
geehrten Damen und Herren, liebe Festgäste!
Seien Sie
mir alle sehr herzlich willkommen hier bei uns in Weissach im großen Bürgersaal
unseres neuen Rathauses. Ich freue mich, dass Sie heute gekommen sind, um einen
ausgezeichneten Mann zu ehren und zu würdigen. Ausgezeichneten Mann im wahrsten
Sinne des Wortes, denn er hat ja schon eine hohe, ja eigentlich höhere
Auszeichnung erhalten. Nämlich das Bundesverdienstkreuz im Jahr 1983.“
Er
begrüßte dann die anwesenden Ehrengäste und begann mit dem Manne, der ohne den
zu Ehrenden seinen Arbeitsplatz – seinen schönen Arbeitsplatz – gar nicht hier
im schönen Weissach – im vielleicht dann auch gar nicht so schönen Weissach
hätte. „Ich begrüße den Vorstand für Forschung und Entwicklung Herrn Wolfgang
Dürheimer und freue mich, dass Sie heute Abend unser Gast sind.
Dann
begrüße ich herzlich unseren Ehrenbürger Wolfgang Lucas, selber auch Träger der
Bürgermedaille, sowie weitere Träger der Bürgermedaille, unserer
Bürgermedaille, Werner Strohhäcker und Horst Marchart. Leider ist ein weiterer
Träger unserer BüMed, Albert Häcker erst vor zwei Wochen verstorben. Meine sehr
geehrten Damen und Herren, ich möchte mich kurz zehn Sekunden versammeln, um
seiner zu gedenken. - Danke!
Lieber
Herr Marchart, ich freue mich ganz besonders, auch Sie wieder unter uns zu
haben heute abend.“ Weiterhin begrüßte er herzlich die Gemeinde- und
Ortschaftsräte, die Vertreter und Vertreterinnen der Kirchen, der Vereine und
sonstiger Verbände und entschuldigte Frau Krause-Müller, die Sprecherin der
Vereine, wegen eines sehr wichtigen geschäftlichen Termin.
Weiterhin
die derzeitigen Hauptabteilungs- und Abteilungs-Leiter im EZW, Verwandte,
Freunde und Nachbarn des Ehepaares Linge, Wegbegleiter, frühere
Arbeitskollegen, Rennkollegen und natürlich den Co-Laudator Dr. Heinz Rabe aus Korntal. „Herzlich
willkommen Herr Dr. Rabe. Besten Dank, dass Sie die Aufgabe der Laudatio übernommen
haben.
Last but
not least, – Sie haben lange genug darauf warten müssen – die Hauptperson des
heutigen Abends, Herbert Linge aus Weissach. Geboren am 11. Juni 1928 – also
vor 76 Jahren und 1 Woche – herzlichen Glückwunsch nachträglich zum Geburtstag
– im schönen Weissach, aufgewachsen im schönen Weissach – ausgenommen die Zeit
in Baden-Baden, lebt immer noch in Weissach, hoffentlich noch sehr lange.
Trotzdem ein Weltmann. ........ Viele Jahre Amerika, viele Jahre Rennen in
aller Herren Länder. Aber darüber sicher mehr von Dr. Rabe.
Aber schon
durch diese Tätigkeit hat Herbert Linge dafür gesorgt, dass der Name Weissach
bereits in den 50ern und 60ern in aller Welt bekannt war. Aber die größte
Leistung von Herbert Linge für unser Weissach besteht darin, dass er maßgeblich
an der Standortentscheidung für Weissach beteiligt gewesen ist.
Meine sehr
geehrten Damen und Herren, wir haben vor genau 7 Monaten dem
Vorstandsvorsitzenden der Porsche AG, Dr. Wendelin Wiedeking die Bürgermedaille
für seine überragendes Wirken für unsere Gemeinde überreicht. Und daran gibt es
keinen Buchstaben zu streichen. Es muss aber gesagt werden, dass ihm die
Bürgermedaille nur verliehen werden konnte, weil es den Standort Weissach, den
er massiv gestärkt hat, gab. Es gab ihn aber – wahrscheinlich – nur, weil
Herbert Linge 1959 den Einfall hatte, den Verantwortlichen bei Porsche den Tipp
mit den „sauren Böden“ in Weissach zu geben.“
Ich
zitiere dazu aus dem Protokoll der GR-Sitzung vom 15.02.1960: „................
der Mangel an Testmöglichkeiten ..... habe die Firma Porsche veranlasst, an die
hiesige Gemeinde heranzutreten, wahrscheinlich sei sie von Herbert Linge
........ hingewiesen worden. .............
„Dem
Unternehmen schwebte 1960 vor, eine gerade Strecke von mind. 1 km, daneben eine
Grundplatte im Durchmesser 200 m, eine Steilstrecke, eine Schlaglochstrecke,
sowie eine schmale Straße mit vielen Kurven. Dazu bräuchte Porsche heute kein
eigenes Testgelände mehr. Das bietet die L 1177 alles im derzeitigen Zustand.
Steil, Schlaglöcher, eng und viele Kurven. Tester-Herz, was willst du mehr!!
Wäre das damals schon so gewesen hätte man die eigene Testsstrecke womöglich
gar nicht benötigt. Eine schlimme Vorstellung!!
Nun war
aber auch bereits in jenen Jahren die Angelegenheit nicht mit der Zustimmung
des GR erledigt – der den Bürgermeister im übrigen einstimmig, wenn auch nach
langen Verhandlungen, beauftragte, mit Porsche weiter zu verhandeln. Am 07.
März äußerte der Bürgermeister vor seinen Gemeinderäten, es seien wohl
Schwierigkeiten von Seiten des Naturschutzes zu erwarten. Auch die Frage des
Gewerbesteueranfalls sei noch nicht geklärt, weil der zuständige Mann noch
immer krank sei. Sei doch die Gemeinde nur interessiert, wenn der Betrag
wesentlich sei. Wenigstens 30. – 50.000 DM jährlich.
Zwei
Wochen später war bereits die nächste Sitzung auf der Bürgermeister Kempf den
Gemeinderäten die folgende Mitteilung machen musste. Ich zitiere wieder aus dem
Protokoll: ..... nach Mitteilung des
LRA Leonberg sei es vom RP angewiesen worden ..... alsbald Landschaftsteile auf
Weissacher Markung zu sichern. ................ Das von der Firma Porsche
vorgesehene Gelände sei ganz als Schutzgebiet eingezeichnet. ....... ohne
Zweifel habe das Vorgehen des RP den Zweck, das Vorhaben ..... zu erschweren.
Er
berichtet weiterhin über eine Besprechung mit Vertretern des
Kultusministeriums, des RP, der Bezirksstelle für Naturschutz,
Landwirtschaftsamt und LRA. In dieser seien die Vertreter des Naturschutzes den
Plänen sehr abgeneigt gewesen. Das Landwirtschaftsamt hingegen habe die Ansiedlung
befürwortet. Die Böden seien nichts wert gegenüber den hochwertigen Böden in
anderen Gemeinden, die Porsche schon Flächen angeboten hätten. Deshalb sei es
vernünftig hier in Weissach zu bauen und nicht woanders im Strohgäu.
Die
Gemeinde lehnte daraufhin die vom Naturschutz geforderte Sicherstellung der
Geländeteile als Erholungsflächen ab.
Als Begründung wurde u.a. protokolliert - und Sie entschuldigen, wenn
ich noch einmal zitiere, aber ich finde die Stelle im Protokoll so drollig,
weil sich die Bilder so gleichen: Es könne nie Aufgabe der Gemeinde Weissach
sein, Erholungsgebiet für in der Großstadt wohnende ...... zu sein. ..... Der
Besuch von Städtern bringe ..... nur Ausgaben, weil nach den Sonntagen an den
Lagerplätzen alle möglichen Überreste anzutreffen seien. Angefangen von
Konservendosen, Flaschen, Papierresten bis zu anderen Requisiten der Kultur sei
alles zu finden. ............
Auch über
die Gewerbesteuer fanden Verhandlungen zwischen Bürgermeister und den
Finanzfachleuten von Porsche statt. Nach hartem Ringen stand das Angebot von
Porsche je Ge. 15.000 DM jährlich, sowie als Ausgleichsleistung für den Ausfall
des eigentlich von der Gemeinde erwarteten Betrages eine Einmalzahlung von
50.000 DM. Wenn die jährlichen 15.000 nicht erreicht würden, sei die Fa.
bereit, aus eigenen Mitteln auf diese Summe aufzustocken. Ja, das waren noch
Zeiten. So konnte man damals die Gewerbesteuer-Höhe noch über die
Rechtsgrundlage hinaus aushandeln. Der Gemeinderat nahm das Angebot an –
einstimmig!
So, meine
sehr geehrten Damen und Herren, nahm das seinen Lauf, was unser Herbert Linge
so eingefädelt hatte. Und wo es mittlerweile gelandet ist, können wir alle
sehen, auch wenn wir längst nicht mehr alles zu sehen bekommen. Denn aus dem
offenen Gelände ist mittlerweile eine hermetisch abgeschottete, geheime
Ideenschmiede geworden. Und die Zahlen sind auch nicht mehr vergleichbar.
Worüber wir uns freuen. Gleich ob es nun Mitarbeiter oder Gewerbesteuer
betrifft.
.........................................
Zurück
nach Weissach. Im November 1960 wurden rd. 38 ha saure Äcker und Heideland auf
Markung Weissach und Flacht gekauft. Ein knappes Jahr später, im Oktober 1961,
nahm dann Ferry Porsche, wie im Film gesehen, den 1. Bulldozer-Stich für den
„Skid-Pad“ vor. Und am 01. Oktober 1971 – also 10 Jahre später – wurde die 1.
Stufe des EZW eingeweiht.
Die
Planung der Fertigungs- und Montageeinrichtungen für den Prototypenbau wurde
Herrn Linge übertragen. Wobei der seinerzeitige Entwicklungsleiter Dr. Piech,
an Herbert Linge die Direktive ausgab, es sei alles in einer Farbe auszuführen
– in weiß!! Gang und gäbe damals wie heute – oder? Nein, aber es hatte positive
Folgen wie mir Herrn Linge berichtete. Alles blieb so weiß und so sauber, weil
jeder einen Lumpen in der Tasche hatte und stets putzte, weil man wirklich den
kleinsten Fleck sofort sah.
Dafür musste Herbert Linge dann aber seinen Rennhelm an den berühmten Nagel hängen, denn er war vor die Wahl gestellt worden: Rennen oder Weissach. Und mit „alten“ 40 Jahren entschied er sich dann für Weissach und das neue EZW. Was glaube ich auch eine gute Wahl war. Denn beide ergänzten sich. Was ihn aber nicht daran hinderte, weiter mit dem Rennsport verbunden zu bleiben. So gründete er 1972 die ONS-Sicherheitsstaffel, von der wir auch noch hören werden. Für mehr Sicherheit für die Rallyefahrer hatte er schon 1954 – ich glaube das Jahr war es oder 1953 – gesorgt, als er das schon wenige Jahre später nicht mehr wegzudenkende „Gebetbuch“ – „erfand“. Ich glaube, ich muss in dieser Gem. niemandem mehr erklären was „Gebetbuch“ in der Rennsprache bedeutet.
So wurde
Herbert Linge nicht nur zum Glücksfall für Weissach, sondern auch zum
Glücksfall oder sogar Glücksengel für zig Rennfahrer. Sogar Niki Lauda hat
einmal gesagt – wenn ich mich richtig erinnere, sogar vor seinem
Unglücks-Rennen auf der Nürburgnordschleife, er fahre nur, wenn die ONS-Staffel
auch an der Strecke ist. Sie war es und hat ihm wohl auch letztendlich das
Leben nach diesem schrecklichen Unfall gerettet. Daran wollen wir auch denken,
wenn wir seine Verdienste um unseren Ort würdigen, ihm für die glückliche Idee,
ausschlaggebend für die Entwicklung unserer Gemeinde, danken wollen. Denn das
Entwicklungszentrum der Porsche AG war gleichzeitig auch der Entwicklungsmotor
für unsere Gemeinde. Das konnte niemand wissen, vielleicht noch nicht einmal
ahnen, was hier eines Tages entstehen würde und was es für unseren Ort, für die
dann 1971 vereinigten, bis dahin selbständigen Gemeinden Weissach und Flacht
bedeuten würde.
Weissach
erlangte Weltruf und Weltruhm. Dazu kam als weiterer glücklicher Umstand noch
hinzu, dass die Fa. Porsche, zu dem das EZW gehört, in den 80er Jahren schon
einmal beträchtliche Gewinne erzielte und somit für große
Gewerbesteuer-Einnahmen sorgte. Und nach einigen, eher mageren Jahren in den
90ern, ist die Porsche AG wieder überaus erfolgreich im Markt und erzielt
wieder Gewinne, mit steigender jährlicher Tendenz, so dass die Gemeinde seit
fünf Jahren wieder beträchtliche Summen Gewerbesteuer erhält. Die wir allerdings,
mit ebenfalls steigender Tendenz, an Kreis, Land und Bund weiterreichen dürfen.
Doch diese Einnahmen machen es uns möglich, zu investieren, antizyklisch zu
investieren, und unseren Beitrag zur Sicherung von weiteren Arbeitsplätzen in
unserer heimischen Wirtschaft – insbesondere der ziemlich am Boden liegenden
Bauwirtschaft - zu leisten.
Und wir
können unsere Gemeinde etwas erneuern. Das nachholen, was andere Orte in den
Neunzigern schaffen konnten, können nun wir für unsere Gemeinde, für unsere Bürgerinnen
und Bürger schaffen. Das macht uns zufrieden und glücklich und dafür wollen wir
unseren Dank ausdrücken. An den Mann, der dies maßgeblich mit ermöglicht hat.
Durch seine „Erfindung“, seinen Vorschlag des Standorts Weissach. Der
natürlich, wir wollen es nicht verhehlen,
auch den Segen von oben, von Ferry Porsche brauchte. Und Ferry Porsche
war beeindruckt von unserem kleinen Ort und - wie er es in seinem Buch
beschreibt – beeindruckt, weil er schön gelegen, abgelegen war und somit Ruhe
bot. Ruhe für seine kreativen Köpfe. Für seine Planer und Entwickler. Für seine
eigenen Porsche- und für Fremd-Aufträge. Und er zog ihn dann ganz gezielt
Mitbewerbern aus dem Umland vor.
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Ich sage
es heute nicht zum ersten Mal, aber ich sage es immer wieder gerne. Solange ich
Auto-Geräusche von dort oben höre weiß ich, Porsche lebt. Und solange lebt auch
die Gemeinde. Wenn dort oben Ruhe ist, dann könnte es auch für Weissach die
ewige sein. Und ich glaube, das wollen wir alle nicht. Und die Entwicklung
Weissachs vom kleinen ländlichen Ackerdorf zur modernen Gemeinde, haben wir in
großem Maße Ihnen zu verdanken Herr Linge. Und dafür danken wir Ihnen und dafür
ehren wir Sie. Manchmal sind kleine Gedanken wichtiger als große Sprüche.
Bewirken vielmehr und haben viel größere Folgen. Manchmal auch negative. Aber
bei Ihrem Gedanken und bei Ihrem Vorschlag, waren es positive Folgen. Die
Folgen haben zum Aufblühen, zum Wachsen unserer Gemeinde geführt und somit zum
Wohle ihrer Bürgerinnen und Bürger.
Sehr
geehrter Herr Linge, hierfür danke ich Ihnen im Namen der gesamten Bürgerschaft
und gratuliere Ihnen von ganzem Herzen zur Verleihung der Bürgermedaille.
Herzlichen
Glückwunsch!!“